Übergänge

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1996 lobte die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen, Verkehr (heute Senatsverwaltung für Stadtentwicklung) in Zusammenarbeit mit den Bezirksämtern Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte, Neukölln, Prenzlauer Berg, Tiergarten, Treptow und Wedding einen offenen, anonymen und einstufigen künstlerischen Wettbewerb zur Markierung der ehemaligen Grenzübergänge im Stadtraum Berlins aus. Anlass des Wettbewerbes war sowohl die historische Verantwortung gegenüber der internationalen Öffentlichkeit als auch gegenüber den Bewohner Berlins, den ehemaligen Verlauf der 43 km langen, kontinuierlich aus dem Stadtbild verschwindenden Mauer an ihren Übergängen im Stadtbild visuell erlebbar zu machen, an ihn zu erinnern und zu gedenken. Für die sieben innerstädtischen Übergänge – durch seine Sonderstellung im Stadtzentrum war nur der Übergang Friedrichstraße ausgenommen – sollten 35 eingeladene Berliner Künstlerinnen und Künstler aus Ost und West Vorschläge einreichen, die sich mit dem Thema „Übergang“ in seiner Vielschichtigkeit auseinandersetzen.

Wie können die Übergänge, die in der wiedervereinigten Stadt immer weniger sichtbar sind, durch künstlerische Arbeiten erlebbar gemacht und somit der Trennung Berlins gedacht werden? Wie kann der ehemalige Verlauf des „Eisernen Vorhangs“ an den Stellen seiner Durchlässigkeit visuell erinnert werden?

Künstlerische Arbeiten:Seitens des Auslobers war das Budget für das einzelne künstlerische Projekt auf 130.000 DM begrenzt. Die Jury unter dem Vorsitz des Berliner Künstlers Wolfgang Rüppel entschied sich unter den 32 eingesandten Arbeiten für folgende Entwürfe:


Übergang zur Untergrundbahn; Susanne Ahner, U-Bahn-Tunnel, U8, U6: Im Tunnel der U-Bahnlinien U6 und U8 sind reflektierende Worte mit der Präposition ”über” angebracht und markieren neben dem originalen weißen Grenzstrich die vier früheren Grenzübergänge. Die beiden westlichen U-Bahnlinien U6 und U8 unterquerten fahrplanmäßig das Territorium der DDR. Bilder und Informationen zur damaligen Situation und die vier Wortbilder der 69 Schilder enthält die Broschüre “Übergang” als ”oberirdischer” Teil der Arbeit.


Wahre Geschichten; Gabriele Basch, ehemaliger Grenzübergang Invalidenstraße: Auf den Gehwegen der Sandkrugbrücke ist ein Mosaik aus Zeichen und Logos aus der DDR und der BRD eingelassen, die pixelartig ineinander übergehen und eine ideele Ganzheit der Zeichenwelt repräsentieren sollen.


Stein, Papier, Schere; Thorsten Goldberg, ehemaliger Grenzübergang Oberbaumbrücke: An den Trägern der Brücke sind zwei Leuchtkästen installiert, die von der Fahrbahn aus zu sehen sind. Rote, gelbe und blaue Neonlampen, lassen mit Beginn der Dämmerung zwei Hände aufleuchten, die abwechselnd Figuren des Kinderspiels „Stein – Papier – Schere“ zeigen. Erlebbar sind zwei gegenüberstehende Positionen, deren Bewegung per Zufallsgenerator gesteuert werden. Erinnert werden sowohl Entscheidungsfindungen als auch Begegnungen zwischen Menschen, die in ihrem Ablauf durch den Zufall bestimmt sind.


Übergang – Nähe und Distanz; Heike Ponwitz, ehemaliger Grenzübergang Sonnenallee: auf der Höhe des ehemaligen Grenzverlaufs sind zwei Fernrohre installiert, auf deren Linse das Wort „Übergang“ geritzt ist und sowohl Sehnsucht nach Ferne als auch Überwachung symbolisieren soll.


Kaninchenfeld; Karla Sachse, ehemaliger Grenzübergang Chausseestraße: In die Fahrbahn und in den Asphalt zwischen Liesenstraße und Wöhlertstraße sind 120 lebensgroße Kaninchensilhouetten aus Bronze eingelassen, als Symbol für die „friedliche Unterwanderung“ der Grenze.


ohne Titel; Frank Thiel, ehemaliger Grenzübergang Checkpoint Charlie: An der Kreuzung Zimmerstraße/ Friedrichstraße ist ein weithin sichtbarer Doppelleuchtkasten installiert, der Fotoporträts eines US-amerikanischen und eines russischen Soldaten zeigt, als Erinnerung an die alliierte Militärpräsenz.


Mind the Gap; Twin Gabriel, ehemaliger Grenzübergang Bornholmer Brücke (ursprünglich entworfen für den Übergang Oberbaumbrücke): Vor dem Eingang der S-Bahnstation Bornholmer Strasse steht ein rotes Kunsttoffsofa, aus dessen Lehne in regelmäßigen Abständen das Wort „Wahnsinn“ ertönt.


Eine gesellschaftliche Verantwortung für die Vermittlung von historischen Ereignissen im Stadtraum der gesamtdeutschen Bundeshauptstadt und eine Relevanz des Wettbewerbs ist bis heute unumstritten, nicht nur aufgrund der ungetrübten Nachfrage um das Wissen um die Orte der jüngsten deutschen Vergangenheit. Dennoch war eine Umsetzung der ausgewählten Arbeiten aufgrund von Haushaltssperren lange unsicher. Schließlich konnten bis zum Jahre 1999 alle Arbeiten realisiert werden, angefangen im Jahre 1997 mit der Arbeit „Stein, Papier, Schere“ von Thorsten Goldberg am ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke.

Die Arbeiten weisen ein breites Spektrum an zeitgenössischen künstlerischen Mitteln, Strategien und Materialien auf, die neue Formen der Auseinanderssetzung mit den historischen und zeitgeschichtlichen Ereignissen erproben. Als Denkmal wahrgenommen werden sie nicht im landläufigen Sinne; durch die Verwendung von Medien und Materialien aus der Alltagswelt des Betrachters ermöglichen sie einen Umgang mit Erinnerung und Gedenken, der das Heute nicht vom Gestern trennt. Geschichte wird nicht als etwas Abgeschlossenes und Erinnerung als etwas aktuell Stattfindendes wahrnehmbar gemacht. Gedenken entsteht, indem jede Begegnung mit dem Betrachter zu einer Aktualisierung der Inhalte und Fragen führen kann, die die Arbeiten thematisieren.

Betrachtet man die Bedeutung der Standorte heute aus touristischer und städtebaulicher Sicht, so werden große Unterschiede in der Wahrnehmung und Wirksamkeit der Arbeiten deutlich. Die Arbeit Frank Thiels am touristisch hoch frequentierten Checkpoint Charlie wird verstärkt wahrgenommen, auch durch die Wahl des künstlerischen Mittels des Leuchtkastens. Andere Arbeiten stehen an weniger frequentierten Orten oder sind an sich weniger auf Fernsicht angelegt. Einige Arbeiten sind heute in sehr schlechtem Zustand. Sie werden einer interessierten Öffentlichkeit nicht adäquat vermittelt, noch untereinander vernetzt dargestellt, so vermitteln die an den Arbeiten angebrachten Hinweisschilder zwar die einzelne Arbeit, eine Darstellung des Gesamtzusammenhangs fehlt jedoch an dieser Stelle. Auch ist keine eigene Publikation verfügbar. Ob die Potenziale der Arbeiten ausreichend genutzt sind, wenn ein Desinteresse der Vermittlung und ein Ausbleiben der Erhaltung besteht, ist fraglich. Dem ursprünglichen Anspruch des Wettbewerbs, neue Formen der künstlerischen Denkmalsetzung zu entwickeln, kann nur gerecht werden, wenn gleichzeitig eine angemessene Vermittlung stattfindet.

Text: Schirin Kretschmann


Aus der Sammlung Schaufenster