Stein, Papier, Schere; Thorsten Goldberg

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Fotodokumentation

Ort

Berlin Kreuzberg-Friedrichshain, Am Oberbaum, 10243 Berlin

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Künstlerin, Künstler

Thorsten Goldberg

Technische Angaben

Werktechnik, Material

Zufallsgeschaltete Neonzeichen aus Klarglas in Edelstahlgefassten Acrylgehäusen

Maße

je 1 m im Durchmesser

Kurzbeschreibung

Zufallsgeschaltete Neon-Zeichen als Denkmal und permanente Markierung des ehemaligen innerstädtischen Grenzübergangs Oberbaumbrücke, Berlin.

Die Objekte sind beidseitig in die Zwickel des neu eingesetzten Mittelteils von Santiago Calatrava installiert. Zufallsgesteuert wechseln im 6 Sekunden Rhythmus drei verschiedene Handstellungen, die als Neon-Umrisslinien dargestellt sind: Faust (blau), geöffnete Hand (rot) und Zeige- und Mittelfinger gespreizt (Gelb). Sie stellen die Symbole für Stein, Papier und Schere des weithin bekannten Spiels dar, das ähnlich dem Werfen einer Münze zu einer Entscheidung führen soll. Anstelle der bekannten Leuchtstoffröhren wurde hier farbig leuchtendes Klarglas verwendet, das unruhiger und „lebendiger“ wirkt und die leuchtende Gassäule im Inneren sichtbar werden lässt. Über Dämmerungsschalter geschaltet, sind sie ab Dunkelheit bis ca. 1.00 Uhr nachts aktiv. Sie sind sichtbar für den Schiffsverkehr auf der Spree und den Fußgänger- und Autoverkehr auf der Brücke.

Zeitangabe

Wettbewerb 1996, Realisierung 1997

Inhaltliche Beschreibung

„Mit dem über viele Grenzen hinweg bekannten Stein, Papier, Schere-Spiel soll hier keine Verharmlosung beispielsweise der Willkür der Entscheidung zu Ein- oder Ausreise dargestellt sein. Weil es einfach ist oder weil es für uns spielerisch ist, ist es nicht harmlos. Aber weil es einfache Zeichen benutzt, ist das Spiel überall verständlich: Zwei Menschen stehen sich gegenüber und versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen, wo es keine argumentative und keine gewaltsame gibt.

Dass die „offizielle“ Teilung entlang des Kreuzberger Ufers und nicht durch die Brückenmitte lief, hat mit der persönlichen Wahrnehmung nichts zu tun: „Drüben“ ist immer das andere Ufer.“

aus: Wettbewerbsentwurf, Thorsten Goldberg 1996


Thorsten Goldbergs „Stein, Papier, Schere“ – hervorgegangen aus einem 1996 durchgeführten Wettbewerb, der die künstlerische Markierung der innerstädtischen Grenzübergänge zwischen Ost- und Westberlin zum Thema hatte – wurde als erste von sieben Arbeiten realisiert. In den Sprenzwickeln der U-Bahn-Bögen auf der Mitte der Oberbaumbrücke sind zwei trommelförmige Leuchtkästen aus Acrylglas in etwa 2.70 Meter Höhe eingehängt. In diesen transparenten Trommeln befinden sich je drei Leuchtstoffröhren in den Farben Rot, Gelb und Blau. In den beiden einander zugewandten Trommeln formen diese Röhren die Umrisslinien jener Handpositionen, die in dem titelgebenden Kinderspiel eingesetzt werden: Faust („Stein“), offene Hand („Papier“), Mittel- und Zeigefinger gespreizt („Schere“). Die Leuchtstoffröhren sind während des Tages nicht in Betrieb. Erst bei Anbruch der Dunkelheit werden sie von einem Zufallsgenerator im Sechs-Sekunden-Takt an- und ausgeschaltet, dem Rhythmus dieses Spiels folgend.

Auf ironische Weise wird hier das Thema der Rivalität zweier Mächte konkretisiert – ein Thema, das Berlin in Vergangenheit und Gegenwart beherrscht. Dies geschieht allerdings in der Form eines Glücksspiels: Zeigt eine Seite „Stein“ und die andere „Schere“, so gewinnt sie. Zeigt sie „Papier“ und die andere „Schere“, so verliert sie. Zeigt eine Seite „Papier“ und die andere „Stein“, so gewinnt wiederum die erste. Zeigen beide Seiten die gleichen Symbole, so geht das Spiel unentschieden aus. Der Sieg kommt zufällig daher und wird nicht etwa durch die besseren oder vernünftigeren Argumente errungen. Der Zufallsgenerator schlägt den Sieg alle sechs Sekunden mal dem Osten und mal dem Westen zu. Jede politische Parteinahme unterbleibt, jeder ideologische Ballast wird abgeworfen, und das Ergebnis ist dem Willen beider Seiten entzogen.

Die Oberbaumbrücke, im 19. Jahrhundert im Stil altmärkischer Stadttore in Ziegeln auf Granitunterbauten errichtet, ist heute ein für das Thema Rivalität zwischen den Systemen symbolträchtiges Bauwerk. Als strategisch bedeutende Transportbrücke über die Spree 1945 auf Hitlers „Nerobefehl“ hin gesprengt, wurde sie nur provisorisch wieder aufgebaut und war in der Zeit des „Kalten Krieges“ ein exponierter Ort der Konfrontation zwischen Ost und West. Dementsprechend bedeutend war daher die Renovierung und Wiedereröffnung der Brücke nach dem Fall der Mauer. Im Gegensatz zum „Checkpoint Charlie“ etwa, der immer nur Militär- und Diplomatenübergang war, konnten Privatpersonen die Oberbaumbrücke ab 1971 als Fußgänger benutzen. Thorsten Goldberg nimmt auf diese besondere Situation Bezug: „ Mit meinem Vorschlag möchte ich der persönlichen Erfahrbarkeit der Situation 1971 – 1989, aber auch der Begegnung Einzelner über die Grenze hinweg, eine Markierung setzen.“(1)

Die Arbeit ist nur für Fußgänger einsehbar und gut verständlich. So könnte man sie auch als einen Appell an die Überwindung der Grenzen durch die direkte menschliche Begegnung auf der Brücke deuten. Mit ihrer Größe und Form scheinen sich die beiden Trommeln in die Reihe der brandenburgischen Stadtwappen einfügen zu wollen. Nur in der Nacht kommen die Leuchtstoffröhren in ihrer spielerischen Konstellation zur Geltung. Damit unterläuft das Werk – auf beinahe subversive Weise – die gewohnten Erwartungen an ein Denkmal.

Stilistisch, in der Farbwahl und in ihrem wechselnden Rhythmus, erinnert die Arbeit an einige Werke von Bruce Naumann. Die Leuchtstoffröhren haben bei Naumann jedoch meist einen Bezug zur subjektiven Körpererfahrung des Künstlers, oder sie formulieren Sätze und Satzfragmente als Kommentar zu Kunst und Leben. Haben wir es bei den Werken von Naumann oft mit Konfliktsituationen und gewalttätigen Handlungen zu tun, so tragen die Leuchtzeichen bei Goldberg die inszenierte Konfrontation spielerisch aus. Die Arbeit soll dabei nicht zu einer Verharmlosung der geschichtlichen und politischen Bedeutung des Ortes führen, sondern eher augenzwinkernd und mit einfachen stilistischen Mitteln ein komplexes Problem allgemein verständlich machen. Unter einem relativierenden Motto („Drüben ist immer das andere Ufer“(2)) wird die Parteinahme des einzelnen distanziert und ironisch betrachtet. Auf beiden Seiten der Mauer waren die Politiker und ein Teil der Bevölkerung von der Richtigkeit und Überlegenheit des jeweiligen Systems überzeugt, was zu Konflikten und Selbstüberschätzungen geführt hat. Ob der Zusammenbruch der sozialistischen Staatenwelt auf die Überlegenheit des kapitalistischen Weltordnung zurückzuführen ist, will Goldberg vielleicht (3) eher in Frage stellen. Kann man beim Fall der Mauer und bei der deutschen Wiedervereinigung von einem Sieg gegen das „Imperium des Bösen“ sprechen, wie der amerikanische Präsident Ronald Reagan es 1985 getan hat? Oder sind solche Fragen angesichts der Begegnung von Menschen in Ost und West überflüssig geworden?

Die beiden Leuchtzeichen von „Papier, Stein, Schere“ bilden während des Spiels immer wieder auch jene Konstellation, die so aussieht, als reichten sie sich die Hände. – eine Geste, die an dieser Stelle bei der Öffnung des Grenzüberganges und bei der Begegnung von Berlinern aus Ost und West häufig zu sehen war. Bei längerer Betrachtung der Leuchtstoffröhren tritt damit der spielerische Charakter der Arbeit in den Hintergrund, und das versöhnliche Moment gewinnt auch an politischer Bedeutung.

Quelle: Frédéric Bußmann in Kunst in der Stadt, Skulpturen in Berlin, Hrsg. H. Dickel, U. Fleckner, Nicolai Verlag, Berlin 2002

Organisatorischer Rahmen, Eigentümer

Geladener Wettbewerb "Übergänge" 1996

Auftraggeber und Eigentümer: Senat für Bauen, Wohnen und Verkehr von Berlin, heute Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Kooperationen

Diskussion

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