Transportale: Unterschied zwischen den Versionen

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Von der Gründung und Formulierung des Transportale Projektes, über Workshops, Werkstattausstellung und begleitende Colloquien bis zur Realisierung der einzelnen Arbeiten im Stadtraum vergingen fast zwei Jahre. Ideengeberinnen waren Susanne Ahner, Roswitha Baumeister und Katharina Kaiser. Zum Kuratorenteam der Transportale gehörten außerdem Nicoletta Blacher und Anette Tiez.  
 
Von der Gründung und Formulierung des Transportale Projektes, über Workshops, Werkstattausstellung und begleitende Colloquien bis zur Realisierung der einzelnen Arbeiten im Stadtraum vergingen fast zwei Jahre. Ideengeberinnen waren Susanne Ahner, Roswitha Baumeister und Katharina Kaiser. Zum Kuratorenteam der Transportale gehörten außerdem Nicoletta Blacher und Anette Tiez.  
 
 
 
 
Judyta Koziol im Gespräch mit Susanne Ahner über das Projekt „Transportale- Positionen zur Kunst im Stadtraum“
 
 
'''Bei dem Projekt waren Sie  Kuratorin und Künstlerin zugleich? Wie vertragen sich die beiden Positionen?  Denken Sie, dass Ihre Kuratorenarbeit dadurch gewinnt, dass Sie Kunst selbst produzieren?'''
 
 
Die Arbeit als Kuratorin und ausstellende Künstlerin habe ich als schwierige Balance empfunden. Es enstand ein Konflikt zwischen dem künstlerischen Wollen und dem Wollen, das Organisatorische an eine Person zu delegieren, die solch banalen, (aber)wie wichtigen Angelegenheiten, wie z.B. das Einholen von Genehemigungen erledigt. Ich wollte autonom sein und selbst den Boden vorbereiten. Der sich daraus ergebende Zwiespalt verursachte, dass ich diese Doppelrolle nicht unbedingt wieder annehmen würde.
 
 
'''Ist diese Doppelrolle ein Merkmal und was ist die Besonderheit dieses Projektes gegenüber anderen Stadtkunstprojekten?'''
 
 
Wir sind mit unserem Projekt tatsächlich auf eine Lücke gestoßen. Wichtig war, andere Formen mitzudenken: nicht für etwas Dauerhaftes, Monumentales einzustehen, was eine große Investition benötigen würde, sondern sich für temporäre, nicht auffallende Projekte zu entscheiden. Dieses Umdenken hat uns auch die Argumentation gegenüber der S-Bahn Verwaltung wesentlich erleichtert.
 
 
'''War es ein organisationstheoretischer Aspekt, sich für ein temporäres Projekt zu entscheiden?'''
 
 
Alleine die Vorbereitungsphase dauerte zwei Jahre. Angesichts der kurzen Projektdauer ist das lange. Die Geldmittel hat uns  der Haupstadtkulturfonds zur Verfügung gestellt.
 
Erster Schritt war eine Werkstattausstellung im Haus am Kleistpark, wo man die Spannbreite der Arbeiten mitten im Enstehungsprozess kennenlernen konnte. Die Künster hatten zur Aufgabe, das eigene Sehen diskursiv zu demonstrieren und damit ihre konzeptuelle Arbeit, z.B. in Form von Videos darzustellen. In diesem Schritt sollte die Machbarkeit überprüft werden.
 
 
'''Was verbindet die 15 Künstler und Künstlerinnen, die schliesslich an dem Projekt teilgenommen haben, außer der S-Bahnlinie S2, entlang welcher ihre Arbeiten angeordnet wurden? Was war der übergeordnete Leitgedanke des Projektes?'''
 
 
Die Künstler sollten im fussläufigen Abstand von 5 Minuten in der Nähe der Bahnhöfe Eingriffe hinterlassen. Es musste nicht unbedingt einen Bezug zur S-Bahnstation haben. Der Begriff der die Arbeiten verbindet ist unter anderen eine gewisse Beiläufigkeit, die das Charakteristikum aller Arbeiten ist. Aufgabe war es, eine leichte Irritation hervorzurufen. Die Passanten bleiben stehen, fragen sich: „ Ist das eine neue Form der Werbung?“, sie werden enttäuscht, und sind bereit neue Wege der Wahrnehmung einzuschlagen.
 
 
'''Hat die Ausstellung zur Debatte über Kunst im öffentlichen Raum etwas beigetragen?'''
 
 
Das Projekt hat bewiesen, dass partizipatorische „Geschichten“ möglich sind. Eine Erinnerung hat einen höheren Wert, als ein permamenter Eingriff in den öffentlichen Raum, weil die meisten großen Werke nicht mehr beachtet werden. Keiner sieht sie. Die Künstler werden versorgt, und ihre Werke wachsen zu. (lacht) Das kenne ich aus Bremen, wo eine Aktion unternommen worden ist, um die stehenden Plastiken aus der Peripherie sichtbar zu machen, in dem sie ins Stadtzentrum geholt wurden.
 
 
'''Besteht die Chance, dass dieses Projekt in Zukunft wiederholt wird, dass neue Sehwege entstehen werden?'''
 
 
“Sehwege“ war der erste Titel des Projektes. Er wurde jedoch geändert, damit das ganze Unternehmen einen Bezug zur S-Bahnlinie bekommt.
 
Ob das Projekt wiederholt wird, ist mir nicht bekannt. Gedankliche Öffnung hat es jedenfalls bewirkt. Wenn die gleichen Organisatoren da sind, dann vielleicht, es ist aber nichts angedacht. Von vielen teilnehmenden Personen hab ich schon lange nichts mehr gehört.
 
 
'''Es gibt ja bereits sehr viel Kunst in der Stadt. Nun bringen Sie noch mehr Kunst in den Außerraum. Sind wir nicht sowieso schon zu überreizt, um Kunst im öffentlichen Raum bewusst wahrzunehmen? Wie war die Rezeption, bzw. haben Sie Stimmen und Reaktionen bekommen?'''
 
 
Die Reaktionen waren durchweg positiv. Manche bekannten Künstler haben natürlich gefragt: „Warum war ich nicht dabei?“, wodurch wieder ein Konflikt zwischen der kuratorischen und künstlerischen Arbeit zutragen kommt.
 
 
'''Denken Sie, dass der wesentliche Unterschied der Kunst im öffentlichen Raum zu derjenigen im Museum darin besteht, dass sie, wie Annette Beisenherz sagte, Erfahrungen statt Führungen anbietet? Schult die Kunst an öffentlichen Plätzen unsere Wahrnehmung mehr als diejenige in White-Cube?'''
 
 
Es ist die Frage der Freiwilligkeit. Im Museum hat alles etwas zu bedeuten. Das Schöne an der Kunst im öffentlichen Raum ist es, dass sie sich einreiht,  ein Anstubsen erzeugt. Sie wird nicht primär unter dem Aspekt „Kunst!“ betrachtet. Die Rezipienten sind freimütiger gegenüber der Arbeiten. Ich bin nicht mit so hohen Bildungsanspruch an die Arbeit rangegangen. Mein Ziel war es nicht zu belehren. Die Bildung müssen sich die Menschen selber holen, ich biete nur etwas an - das kann als Anstoß verstanden werden.
 
  
  

Version vom 9. Oktober 2008, 00:52 Uhr

Transportale - Positionen zur Kunst im Stadtraum - fand vom 13. April bis 11. Mai 2003 entlang der S-Bahn Linie S2 in Berlin statt. Das Stadtkunst Projekt durchzog die gesamte Stadt von Süd nach Nord und stellte dabei 15 künstlerische Positionen als Klang- und Lichtskulpturen, Installationen und Interventionen im Stadtraum vor.

Die an dem Projekt beteiligten Künstler waren: Susanne Ahner, Roswitha Baumeister, Marc Bijl, Dagmar Demming, Günda Förster, Thorsten Goldberg, Azade Köker, Victor Kegli, Chantal Labinski, Inge Mahn, Andrea Pichl, Norbert Rademacher, Mario Rizzi, Karla Sachse, Arne Reinhardt, Tilman Wendland.

Von der Gründung und Formulierung des Transportale Projektes, über Workshops, Werkstattausstellung und begleitende Colloquien bis zur Realisierung der einzelnen Arbeiten im Stadtraum vergingen fast zwei Jahre. Ideengeberinnen waren Susanne Ahner, Roswitha Baumeister und Katharina Kaiser. Zum Kuratorenteam der Transportale gehörten außerdem Nicoletta Blacher und Anette Tiez.



Die Künstlerische Arbeiten:


„zu fuß, eine Tagesreise zwischen Buch und Lichtenrade“; Susanne Ahner

Eine Inszenierung auf 22 Bahnhöfen der S-Bahnlinie S2:

Die Arbeit besteht aus acht Plänen mit den eingezeichneten Wegen zwischen den Stationen der S-Bahnlinie S2 und einer Ansichtskarte. Die Künstlerin bietet eine Tagesreise an, die für jeden offensteht, sie nimmt auch Unbekannte auf ihren Spaziergang im Grünem. Sie bereitet einen detaillierten Reiseplan und macht sich auf den Weg zwischen zweier Endstationen der S-Banhlinie. Was bleibt sind die Postkarten, die an den Bäumen gehängt werden.

Susanne Ahner reflektiert in dieser Arbeit die Schnelligkeit heutigen Lebens. Sie erinnert an die die vergessenen Wege zwischen den Stationen, in dem sie sie zu fuß mit ihrem langsamen Gang ausmisst. Die Sekunden schnellen Transports zwischen den Orten dehnen sich zu zähen Minuten, die Langsamkeit wird entdeckt. Susanne Ahner benennt auf ihrem Spaziergang die zurückgelegten Wege, sie montiert an den Bäumen entlang der Strecke die Postkarten aus aller Welt – die Wegmarkierungen, die neue Beziehungen zwischen den Wegenamen und der Umgebung herzustellen erlauben. Im verlangsamten Tempo der Tagesreise schärft sich die Wahrnehmung der Weggefährten, was neue Perspektiven und Sichtweisen auf das Kleine und Unbeachtete entdecken lässt.


„Licht lockt Leute“; Roswitha Baumeister

Lichtinstallation im Ringlockschuppen, S- Bahnhof Pankow-Hennigsdorf:

Aus dem Innern des Ringlokschuppens leuchtet nach außen gelb-orangefarbenes Licht. Das Relikt der Industriearchitektur wird vorübergehend zum Leuchturm und dient sinnbildlich der nächtlichen Navigation. Die Beobachter müssen sich mit einem Blick im Vorübergehen begnügen, sie werden angelockt, der Zutritt wird ihnen aber verweigert.


„Trust“; Marc Bijl

Intervention im Sperrengeschoss des S-Bahnhofes Oranienburgerstraße:

Ein weißer gotischer Schriftzug auf schwarzen Hintergrund bedeckt die Bahnhofswand. Direkt daneben stehen zwei schwarzgekleidete Arbeiter eines Security Service. Ihre Augen blieben hinter der dunklen Brille unsichtbar, in den Händen halten sie Schusswaffen.

Möchte ich die Sicherheitsmaßnahmen sehen oder möchte ich mich sicher fühlen?- sind die Fragen, die im Bewußtsein der Passanten aufkommen können. Die Sicherheitbeamten erzeugen durch ihre sichtbare Präsenz ein Gefühl des Unbehagens. Sie weisen darauf hin, wie unsicher unsere Gesellschaft wurde und werfen die Frage nach den Sicherheitsbestimmungen in den privaten Zonen auf (wie z.B. Einkaufspassagen), die sich von denjenigen im öffentlichen Raum unterscheiden.


„Ein deutsches Trauerspiel von Buch nach Lichtenrade“; Dagmar Demming

Eine Klanginstallation mit Lautsprechern auf dem Bahnsteig der S-Bahn-Linie S2 über den Bahnsteigen:

Die Künstlerin benutzte Sprachmaterial von Goethes Faust 1+2 in der Inszenierung Peter Steins aus dem Jahre 2000. Aus dem Stück stammende ca. 1-Minutige Sätze wurden über die Lautsprechanlage der Bahnsteige abgespielt. Die profane Umgebung der S-Bahnhöfe bildet die Geräuschkulisse für die Erhabenheit des gesprochenen Tragödientextes. Die Bahnhofsarchitektur, die Bänke, die Informationstafeln, also untheatralischen Requisiten, verwandeln sich für einen kurzen Augenblick in die imaginäre Bühne für die Inhalte, die fernab jeglichen Alltagsgedanken liegen. Die verschiedenen Passanten, beschäftigt mit Warten, Nachdenken, Lesen oder Gespräch werden der Wirklichkeit entrückt, an einen anderen imaginären Ort versetzt, zum Innehalten eingeladen. Die kurzen Texte bilden keine zusammenhängende Handlung. Auch wenn sie in ihrer Kürze der Aufmerksamkeitsspanne des Berufsverkehrs angepasst sind, vermögen sie möglicherweise nicht zur direkten Faustlektüre animieren, bereichen aber den Bahnhof um eine literarische Dimension - eine Dimension die zufällig entdeckt werden kann.


„Reflection“; Gunda Förster

Eine Lichtinstallation an der Stahlbrücke über die Spree, S-Bahnhof Friedrichstraße:

Am Ansatz der Brücke, direkt über dem Wasserspiegel angebrachte Lichtreflektoren werfen ihre Lichtstrahlen auf die Wasseroberfläche, die sie reflektiert flimmernd auf die Stahlkonstruktion der Brücke zurückwirft. Das wellenartige ephemäre Lichtmuster entsteht auf der Skelletkonstruktion, wodurch die Brücke eine immaterielle Dimension erhält. In der Dunkelheit verschwinden die Konturen der Brücke. Förster bringt sie auf eine poetische Art und Weise wieder zum Vorschein. Sie nimmt mit dieser Arbeit auch Bezug auf die Immaterialität des Lichts, das zugleich eine Welle aber auch ein Teilchen ist. Ein Zeugnis davon legen die Projektionen auf der Brückenoberfläche ab, sie sind Wasserwellen mit Licht gemalt. Die im Fluss begriffenen Elemente sind für Förster ein Anlass zu Fragen, die Natur der Wirklichkeit betreffen. Was ist real? Wo ist die Grenze zwischen Realität und Schein?


„Milch und Honig“; Thorsten Goldberg

Großdia der Accurata Utopia Tabula (vermutlich J.B. Hoffmann ca. 1720) mit vollständiger Legende im S-Bahnhof Unter den Linden am Pariser Platz:

Das gelobte Land worin Milch und Honig fließen hat Thorsten Goldberg zum Thema seiner Arbeit gewählt. In einem großen Leuchtkasten präsentiert er eine detaillierte historische Karte mit der Darstellung eines utopischen Landes: 17 Provinzen, etliche Inselgruppen mit 2000 fiktiven Ortsnamen, Flüssen und Seen lassen sich auf der Karte finden und mithilfe einer genauen Legende identifizieren.

Diese barocke Karte inmitten der heutigen Welt weist auf das Traumland als eine Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte. Zusammen mit den für die Fahrgäste bestimmten Informationstafeln hängt die Karte des fiktiven Landes, in dem Straßen aus Ingwer und Muskat gebaut sind, Flüsse aus Wein und Bier fließen, in dem jeder Bürger vollkommen und ewig jung ist und ein Leben in konstanter Wonne führt. Alltag ist ein Fest im Land der ewigen Glückseligkeit. "Eine ideale Geländeform und fruchtbare Bodenbedeckung; kostbare Gebäude und Gewerbe, in denen niemand kauft und verkauft” veranschaulichen die Zustände, die in diesem Land herrschen. Das Großdia hängt im S-Bahnhof Unter den Linden in direkter Nachbarschaft zum Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, der zu den städtebaulich markantesten Stadtplätzen Berlins gehört. Dieser Ort ist Adresse der luxuriösesten Hotels und Restaurants der Stadt, der Botschaften und repräsentativen Niederlassungen der Länder, Banken und Versicherungen. Auch die Entstehungszeit des Pariser Platzes (1734 angelegt), seine historische Dimension korrespondiert mit derjenigen der barocken Karte. Es ensteht eine Klammer, die den Standort mit der Legende der Karte verbindet und einen neuen narrativen Raum eröffnet. Ortsnamen wie "Wollustberg", "Wuchersheim", "Fingerinhals" oder "Schlampenmorast" und "Wexelbalg" versetzten die Betrachter in eine andere mythische Wirklichkeit und lassen eigene menschliche Glücksvorstelleungen hinterfragen bzw. reflektieren.


„Vital-Public-Space“; Azade Köker

Installation in einem S-Bahn Wagon:

Künstlerisch gestaltete Fahnen, beschriftet mit den Namen von Geschäften und Läden hängen zusammen mit Fotos der Geschäfte aneinadergereiht von der Decke des S-Banhwagons. Diese kleinen Einkaufsläden und Gaststätten, verdrängt von Supermärkten, verschwinden zunehmend aus dem Stadtbild. Die Fotoinstallation von Köker setzt ihnen ein kurzweiliges Denkmal. Aus den Namen der Läden wurden grafisch gestaltete Fahnen hergestellt. In dem anonymen Raum des S-Bahnwagons setzten sie eine persönliche Note, die nur für diejenigen erkennbar ist, für die sie Identifikationsobjekte sind. Die Fahnen vermögen nicht gegen den Verlust der realen Räume aufzukommen, aber sie erzeugen eine angenehme feierliche Erinnerung in der entindividualisierten Sphäre der S-Bahn.


„Aktionsbaustelle Skate – Amoebe“; Chantal Labinski, Marcel Hager und Freunde

Eine Aktion: Die Künstlerin gräbt die Erde auf und schafft ein Loch im Park, Aktion gleichzeitig Skulptur, die sie auch „Landschaftsgraffiti“ nennt. An einem wenig frequentierten Ort entstand mit Hilfe von Baggern eine Bodenvertiefung, die aus mehreren verbundenen Kreisen besteht. Sie macht den Eindruck den organischen Wachstum zu veranschaulichen, den flüssigen Übergang einer Form in die Andere. Die Skulptur ist kein Ort zum Denken alleine, in der Begegnung mit Menschen wird aus einer Wegverformung eine interaktive Bodenskulptur. Der Name Amoebe, der ein ständig seine Form änderndes Wesen bezeichnet, steht für die Bereitschaft zum Wandel, die diese Skulptur in sich birgt, bis sie eines Tages einbetoniert wird. An der Funktion fasziniert die Künstlerin das potentiell Endlose der Bewegung, das Überallhin und der Richtungswechsel, der jederzeit möglich ist. Die Adressaten der Arbeit sind nicht nur Kinder, es sind alle – von acht bis achtzig. Sie bietet einen neuen Handlungsraum und hat existentielle Bedeutung für Ihre Nutzer, wenn man beachtet, dass Chantal Labinski über die Bedeutung der „Freizeit als Egoreparatur“ nachsinnt. So gewinnt die Skulptur einen Tiefgang und wird zum Reflektionsanstoß.


„Ahorn und Buche treffen sich unter den Linden“; Inge Mahn und Victor Kegli

Eine Installation auf mehreren S-Bahnstationen, Bahnsteigen und Wagons:

Die wandelnde Installation besteht aus Kleingartenparzellen, zusammengesetzt aus je einer Gartenlaube von ca. 2x2 m Grundfläche, 1 ½ m3 Erde, 20 m Zaun, drei ca. 3m hohen Bäumen und einigen Pflanzen. Die zwei Kleingartenparzellen, den naheliegenden Kolonien nachempfunden, werden auf den Endbahnhöfen Buch und Lichtenrade aufgebaut und am nächsten Tag demontiert, in handliche Einzelteile zerlegt und im Verlauf der Ausstellung von Bahnhof zu Bahnhof transportiert.

Die zwei Bäume mit ihren zugehörigen Häuschen nähern sich einander aus entgegengesetzten Richtungen, um in der Mitte an der Friedrichsstraße aufeinanderzutreffen. Auf den Bahnhöfen wird während der Eröffnung Gartenstimmung erzeugt: Passagieren und Vernissagebesucher sitzen auf einer Decke auf dem Fußboden und verspeisen Gartenfrüchte. Die Natur trifft auf Kultur. Ein grüner Fleck innerhalb der U-Bahnhofwände - eine unmögliche Zusammenstellung.


„Wie geht es Ihnen?“; Andrea Pichl und Tilman Wendland

Eine Klanginstallation am S-Bahnhof Potsdamer Platz, Alte Potsdamerstraße, Stressemannstr./Gabriele-Tergit-Promenade:

Im Jahre 1961 wurde der Potsdamer Platz durch die Mauer geteilt und war de facto ein Grenzgebiet. An keiner anderen Stelle der Berliner Mauer waren die eigentliche Mauer und die sogenannte „Hinterlandmauer“ durch einen derart breiten Todesstreifen voneinander getrennt, wie auf der Ostseite des Platzes. Die historische Situation des Ortes wird in der Klanginstallation somit zum impliziten Hintergrund, vor dem sie zu betrachten ist. Das übersteigerte Sicherheitsbedürfnis das seither an diesem Platz herrscht, einerseits von der DDR, andererseits das heutige Sicherheitsbedürfnis, das geprägt ist durch die zunehmende Privatisierung des öffentlichen Raumes und Niederlassungen der großen Konzerne, veranschaulicht durch die Mauer und ihre Überwachung wird hier der humorvollen und wohlwollenden Überwachung der Installation gegenübergestellt. Eine Stimme aus den unsichtbaren Lautsprechern überwacht ihre Schritte, kommentiert ihr Verhalten. Der omnipräsente Big Brother wird hier zur Wirklichkeit. Er erteilt Befehle, beschreibt die Gefühlsbefindlichkeiten, versichert Sie seiner Hilfe, stellt auch Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen. Die Alltagswahrnehmung wird in ihrer Kontinuität unterbrochen, die Passanten werden irritiert. Die Zeiten der Überwachung werden unter veränderten historischen Verhältnissen spürbar, ihrer Ernsthaftigkeit beraubt. Die Soundinstallation wird jedoch zu einem Spiel mit vielfältigem Straßenpublikum.


„Die Ordnung der Welt“; Norbert Rademacher

Eine Lichtinstallation an der Decke des Foyers im S-Bahnhof Humboldthain:

„Vielleicht erscheint die Ordnung der Welt, wenn der Blick die Richtung wechselt“ lautet das geheimnisvolle Zitat, das der Künstler zur Deutung der Arbeit anbietet. 7 längliche, zentral montierte Lampen bilden die Lichtinstallation, die viele Rätsel aufgibt. Die leuchtende Oberfläche wurde mit den Namen von Himmelskörpern beschriftet. Die Sonne ist von ihrer zentralen Stelle gerückt und hat sich unter Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn eingereiht. Die Erde findet keine Erwähnung, dafür aber der Mond - ein Erdensatellit hat eine prominente Stelle eingenommen und avanciert gleichsam zu einem neuen Planeten. Rademacher scheint die Ordnung der Welt geändert zu haben, oder auch vergrößert er den Maßstab und lässt uns das Sonnensystem auf galaktischer Ebene sehen. Trotzdem fragt man sich: wo ist die Erde? Existiert sie nicht mehr? Wo sind die übrigen Planeten: Uran, Neptun und Pluton? Versetzt uns Rademacher in die nicht definierbare Zukunft, wenn sich die Verhältnisse im Sonnensystem geändert werden haben? Ist die Zahl 7 ein Hinweis auf die Perfektion der neuen Ordnung? Die Arbeit wirft Fragen auf, die zu beantworten uns selbst überlassen ist.


„MIKADOPALAST"; Arne Reinhardt

Installation im Zeitungskiosk des S-Bahnhofes Bornholmerstraße, Einganghalle Südseite:

An der Theke des ehemaligen Zeitungskiosks hängt ein Poster mit einer vergrößerten Demutshaltung zusammengeschränkter Hände. Ihm antwortet ein Großwerbeplakat für Käsen, später wird es Matrix Reloaded sein. Lange Neonlampen in Form von Mikadostäben erfüllen die Funktion der Werbung und des Blickfanges zugleich. In den Kioskinnenraum wurde nicht eingegriffen. An der Theke sitzt ein lächelnder japanisch gekleideter Mann und ermuntert die Passanten mit ihm zu spielen. Der stumm laufender Monitor zeigt die früher durchgeführten Mikadospiele.

Die Arbeit lässt einem über die Natur des Spiels nachdenken. Nach Novalis ist Spielen bekanntlich “Experimentieren mit dem Zufall“. Hier wieder wird der Passant aufgefordert, seine Aufmerksamkeit zu konzentrieren, sich in den, der alltäglichen Sphäre entrückten „MIKADOPALAST“ zu begeben und selbst spielerisch tätig zu werden. Der Spielort wird dadurch zum gesellschaftlichen Treffpunkt unter ungewöhnlichen Umständen. Die Spielsituation bringt die Menschen zusammen, und das ist durchaus die Absicht des Künstlers – durch Zufall möchte er gerade „die sensiblen Personen“ ansprechen. Aus etwas Flüchtigem kann etwas Dauerhaftes entstehen.


"smART place"; Mario Rizzi

Installation im Alten Fahrkartenschalter der S-Bahnhofes Nordnahnhof, Ausgang Gartenstraße:

Vor dem Eingang der S-Bahnstation Bornholmer Strasse steht ein rotes Kunsttoffsofa, aus dessen Lehne in regelmäßigen Abständen das Wort „Wahnsinn“ ertönt. smARt ist ein Treffpunkt für temporäre Communities. Angeboten wird Tarantella, Photographie und Zeichenkurse. Es ist aber kein Happening, keine Session, sondern eine Dokumentation der Aktivitäten, Begegnungen mit Objekten und Menschen. Hier taucht wieder das Gefühl der „Unsicherheit“auf, das dem transitorischen Raum eigen ist. Der öffentliche Übergangsraum steht in Beziehung zum emotionalen Zustand „in-between“, der den Wunsch nach Homogenisierung beinhaltet, aber auch das Gefühl der Angst und Beklemmung. Der Künstler lenkt die Aufmerksamkeit auf den Ort und die Individuen, die an ihm stehenbleiben und somit die Möglichkeit der Kommunikation eröffnen. Der flüchtige Charakter dieser Ereignisse korrespondiert mit dem temporären Charakter des Projektes. Die Arbeit erhält eine/ihre Dauerhaftigkeit durch ein „booklet“ mit 16 Bilder, das die kreative Auseinandersetzung mit dem Ort und Menschen reproduziert.


"crossing – knotting“; Karla Sachse

Installation im S-Bahnhof Nordbahnhof, Bahnhofshalle und Passage zur Bernauerstraße:

An die Deckenkonstruktion des Nordbahnhofs wurden künstlerisch arrangierten Knoten gehängt. Sie befinden sich in unerreichbarer Höhe und sind nicht auf den ersten Blick als Knoten erkennbar. Freunde und Bekannte der Künstlerin u. a. Anna Banana, Pamela Lofts, Lilian Nabulime, Varsha Nair wurden nach Berlin eingeladen. Bevor es jedoch zu dem Treffen kam, wurden sie gebeten, einen Knoten mit dazugehöriger Geschichte per Post zu schicken. Die Arbeit nimmt Bezug auf Transportknotenpunkte in aller Welt, die hier im Nordbahnhof aufeinandertreffen und ihn somit zu einem kosmopolitischen Ort machen. Die jeweiligen Knotengeschichten haftet an den Bahnhofsfliesen. Zusätzlich dazu wurden die Schüler der Kurt-Schwitters-Oberschule Prenzlauer Berg und Sophie-Scholl-Oberschule Schöneberg aufgerufen, ihre eigenen Knoten, Geschichten und Träume mit dem Lampenband zum westlichen Ausgang zu verknüpfen. So entstand ein generationenübergreifendes Werk, das dem Transportknotenpunkt Nordbahnhof die kleinen Knotenpunkte der Gedankennetze aus aller Welt gegenüberstellte.


(Texte: Judyta Kozioł)


Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog mit CD, herausgegeben vom TRANSPORTALE Kuratorenteam, Vice Versa Verlag Berlin 2004, ISBN 3-00-013718-1

Transportale - Positionen zur Kunst im Stadtraum wurde u.a. gefördert durch den Hauptstadt Kulturfonds, das Haus am Kleistpark/Kunstamt Tempelhof Schöneberg, Brecht Haus Weißensee/ Kulturamt Pankow und unterstützt durch die S-Bahn Berlin GmbH und die Deutsche Bahn AG


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